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Was Depressionen im Alter besonders macht

Viele ältere Menschen haben nicht gelernt, über Gefühle zu reden. Oder sie wissen nicht, an wen sie sich mit Depressionen wenden können. Eine Betroffene erzählt
von Daniela Gassmann, aktualisiert am 14.09.2016

Die Welt wird dunkel: Eine Depression verändert den Blick auf die Realität

Jupiter Images GmbH/French Photographers Only

Manchmal wird alles schwarz. Die Orchideen auf dem Fensterbrett und das Flimmern des Fernsehers verblassen. Das Grün der Bäume im Innenhof verschwindet. An schlimmen Tagen kann Beate Mühl* keine Farben sehen. Es kommt ihr vor, sagt sie, als würde sie in einem Tintenfass versinken.

Beate Mühl ist 71 Jahre alt und mit ihrer Krankheit fast immer allein. Wenn es ihr schlecht geht, ist niemand da, um ihr beizustehen. Die Diagnose lautet: mittelschwere Depression. Das Tintenfass-Gefühl, das sie manchmal überfällt, ist jedoch ein Indiz für eine zeitweise schwere Ausprägung. Mühls Gehirn produziert zu wenig Serotonin – das ist die körperliche Ursache für ihre Krankheit. Daneben wirken sich ihre Lebensumstände auf ihre psychische Gesundheit aus.

Mehr Informationen auf depression-begreifen.de

Jede Depression ist anders. Menschen mit Depressionen leiden nicht nur an ihrer Krankheit. Häufig haben sie auch mit dem Unverständnis in ihrem Umfeld zu kämpfen: in der eigenen Familie, seitens ihrer Kollegen oder im Freundeskreis. Ein gutes Mittel gegen ihr seelisches Leid ist Verständnis. Das hat sich die Klasse 54A der Deutschen Journalistenschule zum Ziel gesetzt. In einem Projekt in Kooperation mit apotheken-umschau.de haben die 15 Journalistenschülerinnen und -schüler die Website depression-begreifen.de entwickelt.


Das Altwerden bringt schwierige Begleiterscheinungen mit sich: Der Körper baut ab, das Gedächtnis wird schlechter. Soziale Kontakte gehen verloren. Der Tod rückt näher. Manche Senioren halten die Veränderungen nicht aus und erkranken psychisch. "Ängste, die um die Gesundheit und den Verlust der Selbstständigkeit kreisen, können Depressionen nähren, wenn keine psychischen Bewältigungsstrategien vorliegen", erklärt Frank Schneider, der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. Trotzdem lehnen heute die meisten Fachleute ab, Altersdepression als eigene Krankheit zu definieren. Die Symptome ähneln den Depressionen in anderen Lebensphasen zu sehr.

Eine Aufgabe pro Tag – mehr schafft sie nie

Mühl begleiten die Anzeichen schon ein Leben lang. "Kurz vor Kriegsende hatten alle das Ziel, Hitler einen Sohn zu schenken", erzählt sie. "Und dann kam ich. Meine Eltern haben mich nie akzeptiert." Der Vater wurde aggressiv, wenn er trank. Die Mutter verhätschelte Mühls jüngeren Bruder. Anstatt zu spielen, verschanzte sich Mühl mit ihren Büchern und einer Zuckerschüssel hinterm Kleiderschrank. Sie aß Löffel für Löffel, blieb trotzdem spindeldürr. Mit 13 Jahren hatte sie Suizidgedanken. Später, als Mutter, musste sie grundlos an der Aldi-Kasse weinen. In dieser Zeit versuchte sie auch, sich umzubringen. Ein Fremder rettete sie, Therapeuten und Medikamente halfen. Im Alter ist Mühls Depression noch immer da – zeigt sich aber ganz anders.

Eine Aufgabe pro Tag. Vielleicht einen Ordner durchsehen. Den Boden wischen oder einen Vortrag für Senioren besuchen. Das nimmt sich Mühl fest vor, "um im Leben zu bleiben". Mehr schafft sie nie. Zwar sieht sie mit ihren mahagonifarbenen Haaren und den rosigen Wangen jünger aus, als sie ist. Doch Mühl hatte bereits einen Herzinfarkt und leidet unter Fibromyalgie – einer chronischen und unheilbaren Krankheit. Sie wird auch "Faser-Muskel-Schmerz" genannt und ist qualvoll. Von den Medikamenten nahm Mühl zu.

Wenn Mühl aufsteht und Kaffee holt, tut alles weh. Wenn sie spazieren geht, dann nur bis zur nächsten Bushaltestelle. Wenn sie im Haus bleibt, arbeitet sie höchstens eine Stunde lang an ihrer Tagesaufgabe. Dann muss Mühl zurück zum Mittelpunkt ihrer kleinen einsamen Welt: einem grauen Ecksofa mit Decken und Kissen, insgesamt 13. Hier sitzt oder liegt Mühl die meiste Zeit des Tages. Eingehüllt wie in einen Kokon.

Beim Frühstück laufen die Tränen eine halbe Stunde lang

Auch ihr Frühstück isst Mühl auf dem Sofa, nachdem sie den Fernseher angeschaltet hat. Auf ihrem Flachbildschirm sieht sie sich Märchen an. Oder Filme, in denen Tiere reden. "Eigentlich mag ich ja Kanäle zum Mitdenken", sagt die 71-Jährige. "Aber manchmal gucke ich das blödeste Zeug. Das holt mich ein Stück weit raus aus meinem Zustand."

Doch es hilft nicht immer. An manchen Tagen legt Mühl das Knäckebrot zurück auf ihren Teller, lässt die Kaffeetasse stehen, blendet die Stimmen aus dem Morgenprogramm aus. Sie beginnt zu weinen wie ein Kind. "Eine Viertel- oder halbe Stunde lang laufen die Tränen", sagt sie. "Weil ich keinen Grund dazu habe, ärgere ich mich furchtbar darüber. Ich sage mir: Spinnst du? Hast du noch alle Tassen im Schrank?" Wenigstens sei das Weinen nicht annähernd so schlimm wie die Phasen, in denen Mühl nur schwarz sieht.

Unerträglich wurde ihre Depression vor sechs Jahren. Nach einem traumatischen Erlebnis – Mühl will nicht, dass darüber geschrieben wird – hatte sie sich von ihrem Ehemann getrennt. Allein war sie in eine Wohnung am Rande einer Großstadt gezogen, deren Namen Mühl nicht in der Zeitung lesen will. Sie fühlte sich lebensmüde, traute sich im Dunkeln nicht hinaus. Tagsüber wechselte sie die Straßenseite, wenn sie Bekannte sah. Die Dosierung ihres Antidepressivums wurde erhöht. Eine Therapeutin half, das Vergangene zu verstehen.

Der Hometrainer steht für einen starken Willen

Der Anruf bei einer Beratungsstelle fällt Menschen mit Depressionen immer schwer – für Senioren kann er eine kaum überwindbare Herausforderung sein. Elisabeth Robles Salgado leitet das Alten- und Servicezentrum Thalkirchen in München. Hier sollen Senioren vor der Vereinsamung bewahrt werden. "Wie offen jemand ist, hat nichts mit dem Alter an sich zu tun", sagt Robles Salgado, "sondern mit einer Tabuisierung, die ältere Generationen stärker erlebt haben als jüngere. Besonders die Generation 80 plus hat gelernt, dass man über psychische Belastungen nicht spricht." Natürlich spielen auch traumatische Erlebnisse eine Rolle: "Das Auftreten und der Umgang mit der Krankheit hängen auch mit belastenden Erlebnissen im Krieg zusammen, mit den Nachkriegsjahren und den Kriegserfahrungen der Eltern." In letzter Zeit gebe es aber die Entwicklung, Probleme offener anzugehen.

Wer Beate Mühl gut kennt, muss nicht einmal mit ihr sprechen, um herauszufinden, wie es ihr geht. An guten Tagen trägt die Seniorin Lippenstift. Pink oder orange. Bunte Klamotten, vielleicht sogar die weiße Bluse mit den Glitzerpailletten am Kragen. Sie geht hinaus, um die Wärme der Sonne zu spüren. Spaziert bis zur nächsten Bushaltestelle und bleibt einfach dort, auf dem Eisensitz, um die Menschen zu beobachten. Das reicht ihr in den leichten Phasen, um zufrieden zu sein.

Auch wenn die Depression manchmal von ihr Besitz ergreift – Beate Mühl ist mehr als ihre Krankheit. "Ich bin eine starke Frau", sagt sie über sich selbst. "Das kann man sich nicht bei Karstadt kaufen." Ein Beweis für ihren Willen ist der Hometrainer, der im Wohnzimmer vor dem Fensterbrett mit den Orchideen steht. Mühls ganzer Körper schmerzt. Doch sie glaubt daran, ihn noch benutzen zu können.

Immer wieder sagt sie: "Ich habe so einen starken Lebenswillen, ich bin immer noch da." Aber wenn der schlimmste Zustand sie überfällt, wenn wieder alles schwarz wird, hilft nicht einmal dieser Gedanke. Denn bei Depressionen kann die Diskrepanz zwischen Verstand und Seele sehr groß sein. Mühl bleibt dann nichts übrig, als zu hoffen, dass der Flachbildschirm und die Orchideen auf dem Fensterbrett bald wieder in ihren Farben leuchten werden.

*Name geändert



Bildnachweis: Jupiter Images GmbH/French Photographers Only

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